Die heilende Kraft der Geste

In der Liturgie

Die heilende Kraft der Geste

mit Stefan Staubli, Pfarrer

Nähe und Berührung sind im kirchlichen Bereich und darüber hinaus suspekt geworden. Das ist zweifach tragisch und traurig. Einerseits wegen der unsäglichen Missbrauchsfälle durch Priester und Ordensleute, andererseits weil dadurch ein Stück Evangelium ins Hintertreffen gerät. Denn Jesus zeigt in diversen Situationen wenig Berührungsängste und seine heilsam-befreiende Botschaft lebt auch von Berührungen und zärtlichen Gesten. Die später entstandenen Sakramente, Rituale, Prozessionen etc. greifen das unentwegt auf; das Unsichtbare braucht materielle Gefässe, Anknüpfungspunkte, um sich darin oder dadurch ausdrücken zu können. Leiblos würde Seelsorge halbiert, gar amputiert.

Ein Beispiel gefällig? Unsere Seelsorgerin hatte zusammen mit dem benachbarten Gemeindeleiter eine stimmige Versöhnungsfeier für Oberstufenschülerinnen und -schüler vorbereitet. Es kamen gut 20 Jugendliche und lies-sen sich ansprechen durch vier Passionsbilder von Sieger Köder und entsprechende Texte. Dann oblag mir die Aufgabe, den im Kreis stehenden jungen Leuten die Vergebung zuzusprechen. Von den Vorbereitenden wurde mir empfohlen, dies persönlich zu tun – was ich gerne aufnahm. So trat ich der Reihe nach vor alle hin (es waren grossmehrheitlich Mädchen), legte ihnen die Hand auf, bezeichnete sie mit dem Kreuz auf ihre Stirn – zu Worten der Vergebung und des Neuanfangs. Es war sehr still und ich spürte, dass es die Jugendlichen berührte.

Was spürten sie denn dabei? Hoffentlich: Ungeheuchelte Zuwendung, einen persönlichen Moment befreit vom üblichen «Gruppenspiel», eine Hand, die weitergibt, was sie selber empfangen hat, wortloses resp. wortübersteigendes Geheimnis einer unfassbaren Liebe …

Darauf können und sollen wir in Seelsorge und Liturgie nicht verzichten. Entdecken wir von neuem die heilende Kraft reiner Gebärde. 

Ich glaube sogar, dass die Zeit dafür besonders günstig ist. In unserer lauten, kurzatmigen Welt, wo ein Wort das andere ergibt – und dies gar nicht immer sehr ergiebig –, da sind leibhaftige Ausdrucksformen vielleicht sogar der Anfang einer neuen Wahrhaftigkeit: im Schweigen und Singen, im Ruhen und Tanzen, im Schlies-sen der Augen und Öffnen der Hände usw. Und wie oft riet ich schon anderen und versuche selber, mich darin zu üben, den Signalen des Leibes Gehör zu schenken. Denn der Leib lügt nicht und ist in dem Sinn oft der beste Freund.

Text: Stefan Staubli