Meldebutton «Kirche schaut hin»

Hintergrund

Meldebutton «Kirche schaut hin»

Ein neues Meldesystem ermöglicht, Fehlverhalten in der Kirche anonym zu melden. Es ist das erste dieser Art in der Schweiz. Betreut wird es von der externen Juristin Andrea Gisler.

«Eine Meldung schadet nicht, aber sie kann nützen», meint Andrea Gisler und ist überzeugt: «Je mehr aus der Deckung kommen und sich melden, desto besser – sonst ändert sich ja auch nichts.» Andrea Gisler arbeitet als Rechtsanwältin und vertritt Opfer bei sexueller und häuslicher Gewalt. Von 2002 bis 2011 war sie Personalombudsfrau der Zürcher Kantonalkirche. Nun hat sie das Mandat übernommen, jene Meldungen zu bearbeiten, die über das Meldesystem «Kirche schaut hin» eingehen.

«Es ist ein Problem, dass viele Opfer keine Anzeige machen, weil sie vielleicht gar nicht wissen, wie und wo sie Hilfe erhalten. Je mehr Stellen es gibt und je niederschwelliger sie sind, desto hoffnungsvoller kann man sein, dass sich Opfer tatsächlich melden.» Bei Opfern denke sie nicht ausschliesslich an jene, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, sämtliche Formen von Fehlverhalten gehörten dazu. 

Tatsächlich macht es «Kirche schaut hin» ganz einfach, etwas zu melden, das einem negativ aufgefallen ist.  Anonym oder mit dem eigenen Namen. Wer sich für den anonymen Weg entscheidet, erhält einen Code, mit dem sich später auf die Meldung zurückgreifen lässt. Keine Daten werden registriert, auch nicht die eigene Mailadresse, kein Benutzerkonto muss angelegt werden. Technisch steht «Churchpool» hinter dem System, ein Anbieter aus Deutschland, der für mehrere deutsche Bistümer ähnliche Meldesysteme realisiert hat; finanziert wird das Angebot von der Kantonalkirche.

Und was passiert, wenn die Meldung im System eingegangen ist? «Meine Hauptaufgabe ist, zu fragen, was die meldende Person braucht, und zu schauen, was die Situation erfordert. Wenn Abklärungen angezeigt sind, bleibe ich im Austausch mit der meldenden Person, wenn sie das möchte», schildert Andrea Gisler.

Vom Papier zur konkreten Umsetzung

«Kirche schaut hin» macht also Triage: Wer einen Fall meldet, wird nach den eigenen Bedürfnissen gefragt und an Fachstellen verwiesen, die weiterhelfen können. «Wir machen keine eigene Fallberatung, wir sind keine Opferberatungsstelle», stellt Simon Spengler klar. Er leitet die Kommunikation der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. Anlass für die Realisierung des Meldesystems sei die Veröffentlichung der Vorstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche: «Es war uns ein wichtiges Anliegen, ein Zeichen zu setzen, dass wir das Thema ernst nehmen und konkret etwas machen», erinnert sich Simon Spengler, betont aber: «Es ist keine Meldestelle für sexuellen Missbrauch, es geht uns vielmehr grundsätzlich um Fehlverhalten im kirchlichen Raum, zu dem auch sexueller Missbrauch gehört.» Spengler sieht das Meldesystem als Ergänzung zum Verhaltenskodex, der für kirchliche Mitarbeitende verbindlich ist, ein Instrument zur Prävention von spirituellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung. «Damit der Verhaltenskodex nicht Papier bleibt, haben wir mit der Meldestelle ein konkretes Instrument zur Kontrolle und auch zur Umsetzung geschaffen.»

So unabhängig wie möglich

Wer ein derartiges Meldesystem betreibt, steht in einer Spannung: Sollen die Meldungen von einer internen Person betreut werden, um direkt zu wissen, wo ein Problem liegt? Oder gehen die Beschwerden in externe Hände – was wiederum die Unabhängigkeit und damit die Glaubwürdigkeit nach aussen stärkt? In diese Spannung kam zunächst auch «Kirche schaut hin». Bevor das Mandat zur Bearbeitung der Fälle am 20. November 2023 an Andrea Gisler ging, lag es für rund zwei Monate in den Händen von Liliane Gross. 

Auch sie ist Juristin und bringt unter anderem als Präsidentin der Kommission Genugtuung für Opfer von verjährten sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld entsprechende Kompetenzen mit. Indem sie allerdings als stellvertretende Generalsekretärin des Synodalrats sowie als Bereichsleiterin Präsidiales amtet, kann sie nicht als unabhängig gelten. Liliane Gross dazu: «Ich bin überzeugt, dass wir auch ohne externen Druck dazu gekommen wären, die Aufgabe an jemand Unabhängiges zu geben. Wir haben schnell gesehen, dass die Glaubwürdigkeit an der Unabhängigkeit hängt.» Warum die Aufgabe nicht gleich einer externen Person gegeben wurde? «Als das System gestartet ist, wollten wir schauen, ob und wie es funktioniert», erzählt Liliane Gross und stellt klar, dass sie die Aufgabe ebenso wie Andrea Gisler aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz und Erfahrung übertragen bekommen habe. 

Simon Spengler sagt dazu: «Es war von Anfang an in Diskussion, die Aufgabe an jemand Externes zu übertragen. Wir mussten und wollten aber die ersten Erfahrungen mit dem Tool intern und durch eine Expertin von uns begleiten lassen.»

Kritische Rückfragen ernst nehmen

Wie geht das zusammen: Meldungen anonym entgegenzunehmen und zu triagieren, um Opfer unabhängig vom Interesse der Institution Kirche zu unterstützen – und gleichzeitig die Informationen systemintern nützen zu wollen, um allenfalls Täter zu sanktionieren?

Fragt man Fedor Bottler, Psychologe und Geschäftsleiter bei der unabhängigen Opferberatung Zürich, zeigt dieser sich grundsätzlich positiv: «Das Angebot macht den Eindruck, dass die Kirche inzwischen doch bemüht ist, Fehlverhalten zu behandeln.» Kritisch bemerkt er, dass «nicht klar wird, was man mit diesem Meldebutton genau erreichen will». Ausserdem «weiss ich als Aussenstehender nicht unbedingt, wer die ‹Katholische Kirche im Kanton Zürich› ist und wo die betreuende Person personalrechtlich hingehört». Er würde «eher direkt auf Opferberatungsstellen verlinken, weil diese unmittelbar in der Beratung der Betroffenen kompetent sind – und auch wissen, wo es in der Kirche kompetente Ansprechpersonen gibt und wo nicht.» Andrea Gisler zu dieser Kritik: «Die Idee ist, über möglichst viele Kanäle Betroffene zu erreichen. ‹Kirche schaut hin› ist ein eigener Button. Das ist sinnvoll, denn es gibt nach wie vor Menschen, die ein Grundvertrauen in die Kirche haben.» Ihr Mandat habe sie angenommen unter der Voraussetzung, dass niemand sonst Zugang zu den Meldungen habe. Gegenüber der Institution Kirche fühle sie sich frei.

Rund 60 Meldungen in vier Monaten

Auf den Webseiten der meisten Pfarreien im Kanton Zürich wird «Kirche schaut hin» verlinkt. Anfang Januar wiesen 89 der 96 Pfarreien darauf hin, bei vielen gut sichtbar auf ihrer Startseite. Von den 14 kantonalen anderssprachigen Missionen haben ihn 12 aufgeschaltet. Etwa 60 Meldungen sind in den ersten vier Monaten auf das Meldesystem eingegangen und sind bearbeitet worden, etwas mehr als die Hälfte davon anonym. Initiant Simon Spengler zieht ein erstes Fazit: «Es hat sich gelohnt. Der Meldebutton ist ein klares Statement: Wir gehen der Sache nach. Nun müssen wir aber auch immer wieder den Tatbeweis erbringen, dass wir, wenn wir als Kirche Kenntnis erhalten, tatsächlich etwas tun.»

Text: Veronika Jehle