Editorial 

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«Ich bin weder pro Israel noch pro Palästina – sondern pro Mensch», sagt Nikodemus Schnabel, der seit mehr als 20 Jahren in Israel lebt.

Mit dieser Aussage entzieht sich der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem einerseits jeder Schwarz-Weiss-Entscheidung und bezieht gleichzeitig ganz klar Position. Und zwar eine sehr unbequeme Position, weil er sich damit den Angriffen aller Extremisten und Extremistinnen aussetzt.

Für mich kommt dennoch nur diese Haltung in Frage. Und ich bin erschüttert, wie viele Menschen hierzulande nicht begreifen wollen, dass Friede und Menschenwürde unteilbar sind. Es kann keinen Frieden auf Kosten der Israelis geben, genauso wie es keinen Frieden auf Kosten der Palästinenser geben kann. Die Anerkennung Palästinas verlangt genauso die Anerkennung Israels.

Wer hier in der Schweiz Menschen ungeachtet ihrer persönlichen Einstellung unter Generalverdacht stellt, sie ausgrenzt, boykottiert, beschimpft und Gewalt anwendet, der ist menschenverachtend, egal, ob dahinter Islamophobie oder Antisemitismus steckt. Dass es linke wie rechte Kreise gibt, in denen wieder ungeniert mit Naziparolen hantiert wird, das macht mich fassungslos.

Obwohl ich keine Ahnung habe, wie der Friede im Nahen Osten zu erreichen ist, so weiss ich doch mit Sicherheit, dass aus Hass und Gewalt niemals Friede wird. Und ich frage mich deshalb: Wo ist die pazifistische Bewegung geblieben, die für den schwierigen Weg zwischen den Fronten ihre Stimme erhebt?

Text: Thomas Binotto