Anno Domini</span><span> </span><span>1523/1524: Streit der Geister

Kirchengeschichte kompakt

Anno Domini 1523/1524: Streit der Geister

Vor 500 Jahren war Zürich bewegt und erschüttert von gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Reformation brachte neue Gedanken in die Köpfe, veränderte aber auch das ganz alltägliche Leben.

Als Huldrych Zwingli 1519 sein Amt als Leutpriester am Grossmünster antrat, war er bereits auf einen reformatorischen Kurs eingeschwenkt. Bei der Zürcher Regierung punktete er aber zunächst vor allem mit seiner Ablehnung des Söldnerwesens. Schon bald jedoch auch mit seinen handfesten Predigten, in denen er das Evangelium allgemein verständlich interpretierte. Bereits 1520 wurden die Prediger im ganzen Hoheitsgebiet vom Rat angewiesen, sich an Zwingli zu orientieren.

Nachdem Zwingli 1522 seine erste offen reformatorische Schrift herausgegeben hatte, nahm allerdings auch der Gegenwind zu. Die Dominikaner in Zürich warfen ihm Ketzerei vor.

Schliesslich lud der Grosse Rat am 29. Januar 1523 zur ersten Zürcher Disputation ein. Hier sollten die Gegner Zwinglis all ihre Argumente vorbringen können. Etwa 600 Personen nahmen an dieser intellektuellen Auseinandersetzung teil. Johann Faber, der Abgeordnete des für Zürich zuständigen Bischofs von Konstanz, trat jedoch so schwach auf, dass der Rat Zwingli zum Gewinner der Disputation erklärte.

An einer zweiten Disputation wurde vom 26. bis 28. Oktober 1523 vor fast 900 Zeugen aus der ganzen Eidgenossenschaft über die Messe und den Umgang mit Bildern gestritten. Der Rat beschloss danach die Entfernung der Bilder innerhalb von sechs Monaten.

Und nach der dritten Disputation vom 13. und 14. Januar 1524 wurde die Messe abgeschafft. Der Rat von Zürich ordnete unter dem Einfluss Zwinglis nicht nur das Kirchenwesen neu, auch das Schulwesen wurde umgebaut und Sittengesetze wurden erlassen.

Korrigendum: Die Messe wurde erst am 12. April 1525 abgeschafft. Wir danken einem Leser für diesen Hinweis.

Leserbrief

Anders als im Artikel Anno Domini 1523/1524 dargestellt, wurde in Zürich die Messe im Januar 1524 noch nicht abgeschafft. An der zweiten Zürcher Disputation vom Oktober 1523 war die Messe zwar heftig umstritten. Im Dezember 1523 weigerten sich etliche Kapläne im Grossmünster, die Messe zu feiern, sei es, weil sie beim Zelebrieren der Messe von Provokateuren gestört wurden, sei es, dass sie auf den Kurs der Reformation einschwenkten. In diesem Kontext beschloss der Rat, dass kein Priester mehr zum Messehalten verpflichtet werden könne, dass aber auch kein Priester für das Zelebrieren der Messe geschmäht werden dürfe. Wer Brot und Wein verlange, soll beides bekommen. Erst am 12. April 1525 beschloss eine knappe Mehrheit im Rat die Abschaffung der Messe. Am darauffolgenden Tag, dem Gründonnerstag, wurde das reformierte Abendmahl eingeführt. Dagegen wurde schon Ende Januar 1525 in einer Bauernstube in Zollikon die Reform der Sakramente praktiziert: Eine radikale Gruppe von Täufern vollzog die Erwachsenentaufe an ihrer Gefolgschaft und feierte Abendmahl mit Brot und Wein und alltäglichem Geschirr in einer Schlichtheit sondergleichen.

Jürg Wildermuth, Oberwinterthur

Text: Thomas Binotto