Ein Schlüssel zur Veränderung

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Ein Schlüssel zur Veränderung

Vor 500 Jahren hat die letzte Äbtissin des Fraumünsterklosters, Katharina von Zimmern, die Schlüssel an die Stadt Zürich übergeben. Dafür wird sie in den nächsten Monaten in Zürich gefeiert. Was bewegte sie zu ihrer Tat? Was wissen wir überhaupt über sie? Ein sorgfältiger Blick in die Geschichte.

Vielleicht handelte sie aus Überzeugung, vielleicht aus Pragmatismus. Über die Motive der Äbtissin Katharina von Zimmern, das Fraumünster mit all seinem Vermögen und den Besitztümern der Stadt Zürich zu übergeben, lässt sich nur spekulieren.

Auf jeden Fall vermied sie mit dem Schritt eine Kraftprobe mit dem Rat der Stadt Zürich, der die Reformation in geordnete Bahnen lenken wollte. Anders als in Ittingen, wo im Juni das Kloster von wütenden Bauern in Brand gesetzt wurde und dennoch katholisch blieb, wurde am 8. Dezember 1525 die Herrschaft der Äbtissin und Reichsfürstin Katharina von Zimmern über die Stadt Zürich ohne Revolte mit einer friedlich ausgehandelten Schlüsselübergabe beendet.

Die Stadt vor Unruhe und Ungemach bewahren und tun, was Zürich lieb und dienlich ist.

Katharina von Zimmern (1478–1547) Letzte Äbtissin von Zürich

Zweifellos stand Katharina von Zimmern unter grossen Druck. Seit knapp zwei Jahren lebte sie als letzte adlige Chorfrau in der Abtei. Die Reformatoren mit ihrer beissenden Klosterkritik hatten die Kanzeln in den Kirchen der Stadt längst übernommen. Auch die Äbtissin selbst bot ihnen immer wieder in ihrem Fraumünster eine Bühne.

1519 war Huldrych Zwingli von Einsiedeln nach Zürich gekommen. Er übersetzte und diskutierte zusammen mit seinen Mitstreitern die biblischen Texte öffentlich. Und er warf religiöse Vorschriften, für die er in der Bibel keine Begründung fand, über Bord. Der Toggenburger legte sich mit dem Papst in Rom an, indem er an den Grundpfeilern der Kirchenlehre rüttelte.


Das grosse Streitgespräch

Was in Zürich und weit darüber hinaus tobte, war viel mehr als ein theologischer Streit. Es ging ums Ganze. Seit Zwingli davon predigte, dass alle Gläubigen gleichberechtigt seien und keine Kirche brauchten, die ihnen den Weg zu Gott weise, und eine Gruppe um den Buchdrucker Christoph Froschauer in der Fastenzeit öffentlichkeitswirksam ein Wurstessen inszeniert hatte, stapelten sich auf den Tischen der Ratsherren die Beschwerden. Ein öffentliches Streitgespräch sollte den Kampf um die Deutungshoheit entscheiden.

Am 29. Januar 1523 drängten sich 600 Personen im Zürcher Rathaus, darunter 200 Räte, welche die Stadt regierten. Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Markus Röist sollte Zwingli seine Thesen gegen seine Kritiker verteidigen. Allerdings hatte die von Vikar Johannes Faber geleitete Delegation, die der Bischof von Konstanz nach Zürich geschickt hatte, den Auftrag, sich nicht in theologische Diskussionen verwickeln zu lassen, sondern lediglich gegen die Veranstaltung zu protestieren.

Zwar erklärte der Rat Zwingli zum Sieger und verbot unter Strafandrohung, ihn als Ketzer zu bezeichnen. Doch die Auseinandersetzungen zwischen Altgläubigen und Reformierten wurden weiterhin erbittert geführt. Und immer wieder musste der Rat befürchten, dass die Reformation in eine Revolution kippen würde.

Das theologisch begründete Bilderverbot und die Kritik an der Heiligenverehrung der Reformatoren mündete in der Wut über den Luxus in den Kirchen und einen falschen Kult. Davon blieb auch das Fraumünster nicht verschont. Katharina von Zimmern musste die Lampen vor dem Predigtstuhl ersetzen lassen, weil Randalierer in die Kirche eingedrungen waren und die kostbaren Stücke unter die Kanzel geschmissen hatten.

Zwar stellte der Rat den unkoordinierten Bildersturm genauso unter Strafe wie die Verweigerung des Zehnten. Doch der Hass vieler Menschen auf die Klöster, die sie mitverantwortlich machten für das eigene Elend, war offensichtlich.

Gefängnis und Schutzraum

Für Zwingli waren die Klöster Gewissensgefängnisse, deren Bestehen «keine Grundlage haben im göttlichen Wort». Er kritisierte insbesondere die Vermischung kirchlicher und politischer Interessen.

Um seinen Einfluss abzusichern, erlaube der Papst den Fürsten, ihre Söhne als Äbte oder Bischöfe zu installieren und so die «grossen sicheren Geldquellen» abzugreifen. Die eigentliche Aufgabe der Orden, «dass man lerne, mit dem göttlichen Wort umzugehen, um die Welt recht lehren zu können», gerate durch die politischen Deals in Vergessenheit. Deshalb komme es zum Sittenzerfall: «Im einen Kloster frassen sie, im anderen hurten sie ohne Scham.»

Auch Katharina von Zimmern wurde 1478 in eine Adelsfamilie hineingeboren. Allerdings verlor ihr Vater Güter, Herrschaft und Ehre, als sie zehn Jahre alt war. Von Messkirch in Süddeutschland kam Katharina als Flüchtlingskind nach Weesen am Walensee. Der Vater konnte sie zusammen mit ihrer Schwester im Fraumünster unterbringen, das adligen Chorfrauen vorbehalten war. 1496 wurde Katharina zur Äbtissin gewählt.

Das Kloster war für Frauen immer auch ein Schutzraum. Sie mussten nicht heiraten und hatten Zugang zur Bildung. Allerdings blieben sie vor Übergriffen nicht verschont. 1497 etwa drangen zwei Männer ins Kloster Selnau ein und misshandelten die Äbtissin derart, dass sie ihren Verletzungen erlag.


Ein goldener Fallschirm

Katharina von Zimmern befasste sich intensiv mit dem Humanismus. Sie liess die Abtei ausbauen, als Unternehmerin siegelte sie die Geschäfte der Abtei. Das Fraumünster war auch ein Wirtschaftsunternehmen. Das Kloster verfügte über Höfe in rund 30 Dörfern, hinzu kamen Häuser in der Stadt und Mühlen an der Limmat und an der Sihl.

Illustration:  Crhistoph Fischer

Nach der Übergabe an den Rat musste Zürich zuerst eine eigene Verwaltung aufbauen. Deshalb wurde vorerst nur ein neues Fraumünsteramt geschaffen, ausser der Verpackung änderte sich nichts, die Geschäfte liefen weiter wie zuvor.

Die Güter des Klosters wurden zu einer wichtigen Geldquelle des Staates. Der Rat deckte damit Sozialausgaben und finanzierte das Schulwesen, die Einnahmen flossen aber auch in Herrschaftsrechte und Kriegsanleihen. Die Stadt konnte frei über das Vermögen verfügen. Katharina von Zimmern hatte die Übergabe an keine Bedingungen geknüpft, sie selbst erhielt einen goldenen Fallschirm. Der Rat gestand ihr freie Verfügungsgewalt über ihr Vermögen zu und zahlte ihr eine lebenslange Pension aus.

Heinrich Bullinger schrieb rund 50 Jahre nach der Übergabe, die Äbtissin habe das Fraumünster mit der Auflage der Stadt übergeben, dass die Finanzquellen zur Linderung der Armut verwendet werden sollen. Doch dafür liefert die Übergabeurkunde keinerlei Hinweise. Vielmehr verzichtet Katharina darin auf jede reformatorische Klosterkritik.

Stattdessen inszenierte sie sich darin als handelnde Person, die ihre Abtei aus freien Stücken verlässt. Wie gross ihr Handlungsspielraum angesichts der aufgeheizten Stimmung tatsächlich war, darf bezweifelt werden. Sicher ist jedoch, dass die geordnete Übergabe der Abtei an die Stadt ein Blutvergiessen verhinderte.

Dass Zwinglis Nachfolger Bullinger behauptete, Katharina habe ihr Stift für einen guten Zweck der Stadt übergeben, zeigt, dass die Äbtissin früh zur Projektionsfläche wurde. Auch Zwingli selbst hatte ihr eine Schrift gewidmet und sie «zur Partei Christi» gezählt.


Projektion und Spekulation

Wo sich Katharina von Zimmern in einer Zeit, in der die theologischen Debatten unversöhnlich geführt wurden und die Religion das soziale Leben bestimmte, tatsächlich positioniert, ist schwierig zu sagen. Schriftliches ist von ihr nicht überliefert. Vieles deutet darauf hin, dass sie bereits während ihrer Zeit im Kloster eine Tochter zur Welt brachte, die Geburt aber geheim halten konnte.

Nach dem Ende des Klosters heiratete Katharina den Söldnerführer Eberhard von Rei-schach, der im Oktober 1531 in der Schlacht von Kappel fiel. Im Gegensatz zu Mönchen, die ein Handwerk erlernen oder eine Pfarrstelle antreten konnten, blieb den Frauen nur die Heirat oder die Rückkehr zur Familie.

Gerade weil Katharina von Zimmern oft als Projektionsfläche diente und vereinnahmt wurde, lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihr als eine schillernde Figur 500 Jahre nach der Übergabe des Fraumünsters. Sie war eine gebildete Humanistin und versierte Bauherrin, eine geschickte Verhandlerin in eigener Sache und weitsichtige Diplomatin, die dem Frieden diente und einen Söldnerführer heiratete. Möglicherweise kommt ihr und ohnehin der Geschichte am nächsten, wer all die Widersprüche und Leerstellen aushält.

Text: Felix Reich (Dieser Beitrag erscheint im forum und in der Zeitschrift reformiert.)